Corona-Geschichten: Wenn der Alltag zur Heldenreise wird

In den Jahren v. C. (vor Corona) wurden Heldinnen und Helden in der Regel mit Schwertern, Superkräften oder zumindest einer dramatischen Lebensgeschichte assoziiert. Film, Fernsehen und Literatur befeuerten diese Vorstellungen. Heute tragen Heldinnen und Helden Masken und Handschuhe, arbeiten im Supermarkt oder wohnen nebenan.

1949 schuf der amerikanische Mythenforscher Joseph Campbell (1904–1987) ein Instrument der Erzähltheorie, das heute, mehr als 70 Jahre nach seiner Entstehung, die Welt der professionellen Kommunikation maßgeblich beeinflusst. Campbell analysierte zahlreiche Märchen, Sagen und religiöse Erzählungen und entdeckte in all diesen Geschichten ein immer gleiches Muster. Er taufte dieses Erzählmuster Heldenreise. In seinem Buch „Der Heros in tausend Gestalten“ beschrieb er die Reise der Heldinnen und Helden anhand von 17 Stationen im Detail und legte damit ein Standardwerk für professionelle Erzählerinnen und Erzähler vor. In den 1990er Jahren adaptierte der Drehbuchautor Christopher Vogler – unter anderem verantwortlich für die großartige Geschichte hinter „Der König der Löwen“ – die Campbellsche Heldenreise und verkürzte sie in seinem Buch „Die Odyssee der Drehbuchschreiber, Romanautoren und Dramatiker“ auf zwölf Stationen. Egal, ob zwölf oder 17 Stationen: Die Grundstruktur der Heldenreise lässt sich in wenigen Sätzen zusammenfassen. Zu Beginn ihrer Reise ereilt die Heldinnen und Helden der Ruf des Abenteuers. Nach einer anfänglichen Weigerung stürzen sie sich in eine fremde Welt, in der sie Prüfungen meistern und Wächter besiegen müssen. Nachdem sie alle Hürden überwunden und den Schatz gewonnen haben, kehren sie in die vertraute Welt zurück und leben – so die Idealvorstellung – fortan als bessere, stärkere, weisere Menschen.

Campbells und Voglers Werke können getrost als die „Bibeln für Geschichtenerzählende“ bezeichnet werden. Nicht nur ob ihrer Bedeutung und Anziehungskraft für die Zielgruppe, sondern auch aufgrund der Tatsache, dass die Heldenreise ähnlich wie die Bibel nicht wortwörtlich verstanden werden darf, sondern vor deren Anwendung erst (richtig) ausgelegt werden muss. Mit dieser Hermeneutik der Heldenreise beschäftigen sich heute nicht nur Autorinnen und Autoren oder Filmschaffende. Auch professionelle Kommunikatorinnen und Kommunikatoren holen Heldinnen und Helden regelmäßig auf die Marketing- oder PR-Bühne. Und mir scheint, als würde gerade die Corona-Krise der Heldenreise zu einer Art Renaissance verhelfen.

Die neuen Heldinnen und Helden

Die Campbellsche Heldenreise basiert auf der Theorie der Archetypen, die der Schweizer Psychoanalytiker Carl Gustav Jung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entwickelte. Bei den Archetypen handelt es sich, vereinfacht gesagt, um gelernte Muster in den Köpfen der Menschen, die als unbewusste Wirkfaktoren menschliches Verhalten beeinflussen. In Bezug auf Geschichten heißt das, dass wir Heldinnen und Helden, Bösewichte oder Witzbolde als solche erkennen, weil diese Figuren nach den Mustern gestaltet und mit Symbolen ausgestattet sind, die wir in unseren Köpfen verankert haben. Der Archetypus dient als Werkzeug, um die Funktion eines Charakters in einer Geschichte zu definieren. Zu den von Jung entwickelten Archetypen wie „Schatten“ oder „Mentor“ gesellt sich in Zeiten von Corona eine weitere, scheinbar unverzichtbare Figur: der Alltagsheld/die Alltagsheldin. Typische Symbole dieses neuen Archetypus sind nicht etwa (Laser-)Schwerter, Superkräfte oder eine dramatische Lebensgeschichte, sondern – wie ein Blick in die Werbewelt verrät – Masken, Handschuhe, ein in den Unternehmensfarben gebrandetes Outfit und vor allem eines: Hilfsbereitschaft. Für große Unternehmen scheint es in Corona-Zeiten zum guten Ton zu gehören, die Alltagsheldinnen und Alltagshelden in ihren Kampagnen zu feiern. Vor allem der Lebensmittelhandel setzt seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die Maske des Corona-bedingten Archetypus auf. Deutsche Lebensmitteleinzelhändler wie EDEKA oder PENNY warteten bereits in den ersten Wochen der Krise mit entsprechenden Kommunikationsmaßnahmen auf. Die Schokoladenmarke Ritter Sport hat die Aktion #Alltagsritter ins Leben gerufen, bei der Menschen via Instagram aufgerufen wurden, ihre persönlichen Heldinnen und Helden zu nominieren. Und auch der französische Reifenhersteller Michelin bedankte sich mit einem Video auf seinen Social-Media-Kanälen bei den Alltagsheldinnen und Alltagshelden, die die Gesellschaft am Laufen halten.

Der Fokus in diesen Kampagnen liegt – vermutlich aufgrund ihrer Kürze und den aktuell schwierigen Produktionsbedingungen – nicht so sehr auf der Reise der Heldinnen und Helden, sondern eher auf Symbolen und Eigenschaften wie Hilfsbereitschaft oder Solidarität, die wir ihnen spätestens seit Corona zuschreiben. Nichtsdestotrotz bin ich davon überzeugt, dass die Corona-Krise für eine Renaissance der Heldenreise in der Welt der professionellen Kommunikation sorgen wird. Heldinnen und Helden, die immer schon ihren festen Platz in der Werbewelt hatten, werden in den kommenden Monaten und Jahren verstärkt auf unseren Fernsehern und Displays zu sehen sein. Selbst wenn die Krise irgendwann überstanden ist, bietet es sich für professionelle Kommunikatorinnen und Kommunikatoren an, die Geschichte beziehungsweise die Reise der Heldinnen und Helden des Alltags aufzuarbeiten und entsprechend zu erzählen. Material dafür entsteht im Moment (leider) genug.

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