Die Macht der Geschichten und wie ich sie entdeckte

Langsam tappt meine Mutter durch das halbdunkle Schlafzimmer, setzt sich auf das Bett und knipst die Nachttischlampe an. Sie ist müde, geschafft vom vergangenen Tag. Obwohl ihr die Augen schon fast zufallen, zieht sie ein Märchenbuch aus dem Regal und lehnt sich mit ihrem Rücken ans Kopfteil des Bettes. Sie kann noch nicht einschlafen, erst muss sie mir etwas vorlesen. Sie schlägt die Seite mit dem Eselsohr auf, senkt ihren Blick und beginnt zu lesen. Es war einmal …

An diese ersten Erfahrungen mit Geschichten dürfte ich mich eigentlich gar nicht erinnern. Es sind die Erzählungen meiner Mutter über unsere ersten Vorleseabende, die diese Bilder in meinem Kopf erzeugen. Ich war damals nämlich noch nicht geboren, sondern schwebte seelenruhig im Mutterbauch umher. So tagträumerisch wie man als Embryo nur sein kann, trieb ich im Fruchtwassermeer. Ohne auch nur den leisesten Schimmer, dass ich mehr als 25 Jahre später diese Zeilen schreiben werde.

Diese ersten pränatalen Lektionen im Storytelling werden wohl kaum der Grund dafür sein, dass ich heute so für das professionelle Erzählen von Geschichten brenne. Aber es ist dennoch eine schöne Story – und da sind wir auch schon beim Thema.
Keine Angst, ich werde mich nicht mit Storytelling-Erklärungen aufhalten. Das Thema wurde bereits bis zur Bedingungslosigkeit behandelt. Allein Google hält 126 Millionen mehr oder weniger sinnvolle Links zu diesem Schlagwort bereit. Autorinnen und Autoren wie Pia Kleine Wieskamp oder Thomas Pyczak haben wirklich großartige Storytelling-Bücher verfasst. Und Coaches verdienen mit Storytelling-Seminaren gutes Geld. Wer sich über die Basics des professionellen Geschichtenerzählens informieren möchte, kann das kinderleicht tun. Dieser Text ist also keine weitere Storytelling-Lobpreisung. Vielmehr geht es um meinen persönlichen Bezug zu Geschichten und deren nicht zu unterschätzende Wirkung.

Wie Geschichten mein Leben geprägt haben

Die titelgebende „Macht der Geschichten“ – oder zumindest einen minimalen Teil davon – erkannte ich schon im Volksschulalter. Ich merkte schnell, dass man einen Vorteil gegenüber den anderen Achtjährigen hat, wenn man Erlebnisgeschichten nicht mit „Gestern war ein schöner Tag …“ beginnt. Unbewusst schien ich Metaphern und Erzählmuster aus Büchern und TV-Serien zu speichern und in eigene Geschichten einzubauen. Das (richtige) Erzählen von Geschichten verschaffte mir also einen Vorteil.

Wenige Jahre später entpuppte sich mein mutmaßliches Talent, gute Geschichten zu erzählen, abermals als Asset. Allerdings war es diesmal nicht die schulische, sondern die soziale Dimension in der mir meine Geschichten einen Vorteil verschafften. Wenn ich Ihnen jetzt erzähle, dass ich damals ein übergewichtiges Kind mit wenig Selbstvertrauen war, dann bediene ich mich nicht irgendwelcher Muster, um Emotionen wie beispielsweise Mitleid in Ihnen auszulösen und Sie für meine Geschichte zu begeistern. Es stimmt schlichtweg. Und als dickes Kind hatte man es damals in ländlichen Schulen schwer. Meine guten Noten waren auf dem Schulhof eher ein Nachteil („So ein Streber!“) und auch bei der Mannschaftswahl im Sportunterricht wurde mein Name als einer der letzten gerufen. Erst im vierten Jahr der Unterstufe konnte ich zum ersten Mal auch irgendwo der Beste sein. Sie erraten bestimmt, wodurch mir das gelang. Genau, durch Geschichten. Ich schrieb ein Theaterstück, führte Regie und füllte damit einen Saal mit mehreren Hundert Menschen. Der Respekt, der mir von Mitschülerinnen und Mitschülern, deren Eltern sowie Lehrerinnen und Lehrern gezollt wurde, war meine persönliche Wiedergutmachung für alle Demütigungen und Mobbing-Versuche.

Seither hat sich viel verändert. Aus dem unsicheren Kind von damals ist ein selbstbewusster, junger Mann geworden. Eines ist jedoch gleich geblieben: meine Leidenschaft für gute Geschichten. Mittlerweile erzähle sie allerdings nicht mehr in Erlebnisaufsätzen, sondern professionell. In Texten, Konzepten, Social-Media-Beiträgen oder Drehbüchern. Ich lebe vom professionellen Geschichtenerzählen.

Diese drei persönlichen Beispiele – der schulische, der soziale und der berufliche Vorteil – sind für mich wesentliche Beweise dafür, dass gute Geschichten wirken. Natürlich lässt sich die Wirkung von Geschichten auf Menschen und ihr Gehirn auch wissenschaftlicher erklären. Neurowissenschaftlerinnen und -wissenschaftler haben sich intensiv damit auseinandergesetzt und können genau sagen, welche Gehirnregionen durch gut erzählte Geschichten angesprochen werden. Auch von „Storytelling-Hormonen“ ist die Rede. Aber das ist eine andere Geschichte.

Sie möchten, dass ich auch für Sie Geschichten erzähle? Kontaktieren Sie mich.